Italienische Archäologen machen Aufsehen erregendem Fund in Abusir
In der weitläufigen Nekropole von Abusir, südlich von Gizeh gelegen, ist einer italienischen Archäologiemission ein bemerkenswerter Durchbruch gelungen. Zum ersten Mal überhaupt konnte ein gewaltiger Untertempel freigelegt werden – der ursprüngliche Haupteingang zu einem einzigartigen Sonnenheiligtum, das Pharao Niuserre errichten ließ. Der Fund ist außergewöhnlich selten: Obwohl diese Komplexe im Alten Reich eine zentrale Bedeutung hatten, sind nur sechs solcher Anlagen bekannt – und bis heute haben lediglich zwei davon überlebt.
Der Aufbau des Tempels: Drei Zonen, ein Monument
Die Architektur des Niuserre-Tempels folgt einem klassischen, aber monumentalen Grundriss seiner Zeit. Die gesamte Anlage gliedert sich in drei Bereiche: den Untertempel, der ursprünglich direkt am Nilufer lag und bislang vollständig unter der Erde verborgen war, eine ansteigende Rampe sowie den Obertempel, in dem die eigentlichen Rituale stattfanden.
Die jüngsten Ausgrabungen brachten Teile des zentralen Eingangsportikus sowie außergewöhnlich gut erhaltene Elemente der originalen Wandverkleidung zum Vorschein. Diese Funde geben erstmals einen unmittelbaren Eindruck vom einstigen Glanz der Anlage.
„Größer als erwartet" – Der Missionschef ist überwältigt
Massimiliano Nuzzolo, der Leiter der Ausgrabungsmission, macht keinen Hehl aus seiner Begeisterung über das Ausmaß des Fundes. Er räumt offen ein, dass das Team zwar mit etwas Beeindruckendem gerechnet hatte – aber nicht mit einer derart mächtigen Struktur. Das freigelegte Gebäude ragt auf über 5,5 Meter Höhe, und dabei sind Dach und äußere Verzierungen noch gar nicht eingerechnet.
Wer sich im dritten Jahrtausend vor Christus vom Fluss aus dem Tempel näherte, muss von seiner Erhabenheit schier überwältigt worden sein. Die bloße physische Präsenz des Bauwerks war zweifellos eine bewusste Machtdemonstration.
Der Sonnenkult als Staatsreligion der 5. Dynastie
Die Wurzeln des ägyptischen Sonnenkultes reichen bis ins vierte Jahrtausend vor Christus zurück. Zur offiziellen Staatsreligion wurde er jedoch erst unter der 5. Dynastie. Pharaonen wie Niuserre begannen, eigens dem Sonnengott gewidmete Tempel zu errichten – ein absolutes Novum in der Geschichte der Pharaonenzivilisation.
Diese besondere Epoche dauerte nur etwa ein Jahrhundert, bevor die Sonnentempel abrupt aufgegeben wurden. Erst tausend Jahre später, in der Zeit des berühmten Echnaton, kehrte diese Idee in veränderter Form zurück.
Werkzeug der Vergöttlichung: Warum diese Tempel so wichtig waren
Weshalb investierten die Herrscher so viel in diese Bauten? Der Sonnentempel diente der Deifikation – der Erhebung des Königs zur göttlichen Gestalt. Die Pharaonen dieser Dynastie wollten als leibliche, fleischliche Söhne des Gottes Ra in Erinnerung bleiben. Das war eine ideologische Revolution.
Der König war damit nicht länger bloß Statthalter der Götter, sondern deren direkter Nachkomme. Kein früherer Herrscher hatte den Anspruch auf eine so unmittelbare und körperliche Verbindung zur Sonnengottheit so nachdrücklich erhoben.
Ein Fund, der seit über hundert Jahren wartete
Tatsächlich hatte der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt diesen Tempel bereits vor mehr als hundert Jahren identifiziert. Damals machte ihm jedoch der hohe Grundwasserspiegel einen Strich durch die Rechnung – die Arbeiten mussten unvollendet bleiben. Heute ist der Wasserspiegel um mehr als sieben Meter gesunken, wodurch es den Archäologen erstmals möglich war, mächtige Sedimentschichten abzutragen und das Verborgene ans Licht zu bringen.
Hieroglyphen, Tonwaren und ein antikes Brettspiel
Zu den wertvollsten Artefakten der Ausgrabungsstätte zählt ein massiver steinerner Türsturz, der mit Hieroglyphen bedeckt ist. Die Inschriften beschreiben detailliert einen religiösen Zeremonienkalender und nennen ausdrücklich den Namen von Pharao Niuserre. Doch die größte Überraschung für das Grabungsteam war die enorme Menge an Alltagskeramik, die aus einer Zeit mehr als 150 Jahre nach dem Untergang der 5. Dynastie stammt.
Die Schlussfolgerung liegt nahe: Als der Tempel seine kultische Funktion verlor, zogen einfache Menschen schlicht ein. Es gibt Belege dafür, dass dort gekocht, gewohnt und sogar Senet gespielt wurde – eines der ältesten Brettspiele der Welt. „Es ist unglaublich, das Alltagsleben der alten Ägypter an einem Ort greifbar zu erleben, der ursprünglich für Sterbliche unzugänglich sein sollte", kommentiert Nuzzolo.
Warum verschwanden diese mächtigen Tempel?
Die Gründe für das Ende der Sonnentempel sind bis heute nicht vollständig geklärt. Forscher verweisen auf die enormen Kosten der täglichen Opfergaben sowie auf gesellschaftlichen Widerstand gegen eine so radikale religiöse Reform. Die Vision der Pharaonen der 5. Dynastie war zweifellos ehrgeizig – aber offenbar zu kostspielig für den damaligen Staatsapparat.
Der heutige Fund ermöglicht es uns dennoch, ihre außergewöhnliche Vorstellungskraft und ihr beeindruckendes ingenieurtechnisches Können in vollem Umfang zu würdigen.












