Neue Kleidung: Sollte man sie wirklich vor dem ersten Tragen waschen?
Man zieht eine frisch gekaufte Jeans an – und am nächsten Tag zeigen sich rote Stellen hinter den Knien, hartnäckiges Jucken folgt. Eine alltägliche Situation, die sich eigentlich leicht vermeiden lässt. Ist das Material schuld? Die dunkle Farbe? Nicht nur. Eine längst vergessene Gewohnheit vor dem ersten Tragen spielt eine weitaus größere Rolle, als die meisten ahnen.
Der typische „Neu-Geruch" hat nichts mit Sauberkeit zu tun. Damit Textilien lange Containertransporte unbeschadet überstehen und glatt im Regal liegen, werden sie häufig mit Chemikalien behandelt: knitterfreie Ausrüstungen auf Formaldehyd-Basis, Fungizide, Dispersionsfarbstoffe. Trotz behördlicher Kontrollen verbleiben diese Rückstände in den Fasern und sind an nahezu 9 % der gemeldeten Kontaktdermatitis-Fälle beteiligt. Ein einziger einfacher Schritt kann das jedoch grundlegend verändern.
Schadstoffe und Keime: Was Behörden und Studien aufdecken
Sobald neue Kleidung auf der Haut getragen wird, weiten sich durch Wärme und Schweiß die Poren. Feuchtigkeit löst einen Teil der chemischen Verbindungen, die dann in die Hautoberfläche eindringen. Besonders an Reibungsstellen, in Falten oder am Bund beginnt es zu jucken – manchmal entzündet sich die Haut sogar.
Dazu kommt ein weiterer, weniger bekannter Aspekt: Hygiene. Der Mikrobiologe Philip Tierno von der New York University wies nach, dass in Geschäften anprobierte neue Kleidungsstücke tatsächlich Keime und Spuren von Fäkalien enthalten können. Die Substanzgruppen, die auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und europäische Behörden wie die ANSES als bedenklich einstufen, sind bekannt: Formaldehyd, Azofarbstoffe wie Paraphenylendiamin, Nonylphenole und deren Derivate, Konservierungsstoffe vom Typ Isothiazolinone sowie Metalle wie Nickel, Chrom VI, Kobalt, Kupfer, Blei und Cadmium. Experten empfehlen ausdrücklich, neue Kleidungsstücke, die direkt auf der Haut getragen werden, vor dem ersten Anziehen zu waschen – bereits ein einziger Waschgang reduziert die Schadstoffbelastung spürbar.
Die unverzichtbare Maßnahme vor dem ersten Tragen
Das Vorgehen ist denkbar einfach: Einweichen kombiniert mit einem Maschinenwäschgang. Vor dem eigentlichen Waschen das Kleidungsstück 30 Minuten in kaltem Wasser mit einer Tasse Weißweinessig einweichen lassen. Anschließend folgt ein Maschinenwäschgang bei mindestens 30 °C – sofern das Pflegeetikett dies erlaubt – auf einem Schonprogramm, idealerweise mit zusätzlichem Spülgang.
Dieses Duo neutralisiert bestimmte alkalische Rückstände, hilft dabei, Farben zu fixieren, und spült Appretur-Mittel, Biozide sowie flüchtige organische Verbindungen aus den Fasern heraus. Ein paar weitere Tipps für die Praxis: Neue Kleidungsstücke – besonders dunkle oder färbegefährdete – getrennt waschen, ein mildes oder hypoallergenes Waschmittel verwenden und beim ersten Durchgang auf Weichspüler verzichten. An der Luft in einem gut belüfteten Raum trocknen lassen, damit sich flüchtige Substanzen vollständig verflüchtigen können. Bei empfindlicher Haut oder Säuglingen empfiehlt sich eine zweite Wäsche – vor allem bei Kleidung mit direktem Hautkontakt und bei Funktionskleidung.
Welche Kleidungsstücke haben Vorrang – und wie oft waschen?
Welche Teile sollten zuerst gewaschen werden? Ganz oben auf der Liste stehen Unterwäsche, T-Shirts, Schlafanzüge, Sportbekleidung, Leggings und Jeans – also alles, was eng am Körper anliegt. Baby- und Kinderbekleidung hat absolute Priorität, Bodies und Schlafsäcke eingeschlossen. Mäntel, Jacken und Pullover, die über anderen Schichten getragen werden, haben weniger direkten Hautkontakt; sie sollten dennoch ausgelüftet und gewaschen werden, allein schon um Appretur und Ladengeruch zu entfernen.
Und danach im Alltag? Nach diesem ersten Waschen richtet man sich nach Nutzung und Material: zwischen den Tragetagen auslüften, Kleidungsstücke abwechseln, Öko-Programme bevorzugen und unnötige Waschgänge vermeiden. Treten anhaltende Hautreaktionen auf – Rötungen, lokalisiertes Jucken oder nässende Stellen – sollte man mögliche Kontaktdermatitis mit einem Arzt besprechen. Das Pflegeetikett und das eigene Körpergefühl sind dabei die verlässlichsten Orientierungspunkte.












