Madrids düstere Vergangenheit kommt ans Licht
Mitten im pulsierenden Madrid hat die Erde ein erschreckendes Stück Geschichte preisgegeben – verborgen tief unter der belebten Calle Atocha. Bei routinemäßigen Bauarbeiten stießen Arbeiter auf 90 menschliche Schädel, und zwar genau an jenem Ort, an dem Miguel de Cervantes im Jahr 1605 die Veröffentlichung des ersten Bandes von „Don Quijote" feierte.
Der Fund ereignete sich unter der Adresse Atocha 87, auf einem Innenhof, den die Kirche Desamparados und der Sitz der Cervantes-Gesellschaft (Sociedad Cervantina) miteinander teilen. Kurz gesagt: Archäologen haben ein Massengrab genau dort entdeckt, wo die moderne Weltliteratur ihren Anfang nahm.
Das Rätsel der Knochen aus dem Goldenen Zeitalter
So unheimlich der Gedanke an Überreste unter einer berühmten Druckerei auch klingen mag – die Erklärung ist nüchterner als erwartet. Experten des Amts für Kulturerbe der Gemeinschaft Madrid bestätigten, dass der Fund in unmittelbarem Zusammenhang mit der benachbarten Kirche steht.
Folgendes wurde konkret aus dem Boden geborgen:
- 90 vollständige menschliche Schädel
- Hunderte kleinerer Röhrenknochen und Skelettreste
- Überbleibsel eines ehemaligen Beinhauses
Im alten Spanien war es üblich, Gläubige unter Kirchenböden zu bestatten. Wenn der Platz knapp wurde, verlagerte man die Gebeine in nahe gelegene Gruben – sogenannte Sammelgräber. Diese 90 Personen waren aller Wahrscheinlichkeit nach Madrider Bürger des 17. Jahrhunderts, die möglicherweise auf derselben Straße an Cervantes vorbeigegangen sind.
- 💡 Historische Archäologie: Die Isotopenanalyse von Zahnschmelz aus solchen Funden ermöglicht es heute, mit rund 95-prozentiger Sicherheit Rückschlüsse auf Ernährung und geografische Herkunft der Verstorbenen zu ziehen. Die verfügbare Technologie kann aus diesen Schädeln ablesen, ob die betreffenden Menschen die schweren Hungersnöte überlebt haben, die Madrid im 17. Jahrhundert heimsuchten.
Mehr als nur Knochen: Das unterirdische Madrid hat viele Schichten
Die Baustelle eines neuen Theaters entpuppte sich als echte Zeitkapsel. Neben dem erschreckenden Fund aus dem 17. Jahrhundert mussten Archäologen Artefakte aus völlig verschiedenen Epochen sichern. Es ist eine faszinierende Mischung, in der das Goldene Zeitalter auf die jüngere Geschichte trifft.
Im selben Aushub wurden außerdem entdeckt:
1. Ein altes unterirdisches Kanalisationssystem, das einst die Wasserversorgung der Stadt sicherstellte.
2. Ein Schutzraum aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, im nördlichen Teil des Grundstücks gelegen.
3. Alltagsgegenstände aus verschiedenen Jahrhunderten.
Der Luftschutzraum steht unter dem Schutz des nationalen Kulturerbeschutzes und wird daher an Ort und Stelle erhalten bleiben. Geschichte und modernes Theater werden hier künftig Wand an Wand koexistieren.
Bestürzung bei den Anwohnern der Calle Atocha
Madrids Einwohner sind Überreste aus vergangenen Epochen eigentlich gewohnt – doch der Anblick von Schädeln, die in Kisten unter ihren Fenstern abtransportiert wurden, löste in sozialen Netzwerken erhebliches Aufsehen aus. Niemand hatte damit gerechnet, dass unter ihren Füßen ein solcher „Schatz" schlummerte.
Die Überreste werden derzeit eingehenden anthropologischen Untersuchungen unterzogen. Wissenschaftler wollen Alter, Geschlecht und Todesursachen der Personen ermitteln. Nach Abschluss der Analysen sollen die Knochen ins Regionale Archäologische Museum überführt werden, wo sie für kommende Generationen gesichert bleiben. Es handelt sich nicht bloß um Gebeine – sondern um handfeste Zeugnisse des Lebens und Sterbens in einer Zeit, als „Don Quijote" gerade dabei war, zum weltbekannten Meisterwerk zu werden.












